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»» Am Oberen Amazonas
Ohne die Indianer und ihre Kenntnisse des Regenwaldes hätten wir - die wir uns doch als Fisch-Spezialisten ansahen - so manchen Fisch glatt übersehen. Ich denke hier vor allem an die noch nicht einmal fingergroßen Tatia perugiae. Es gibt keinen deutschen Namen für diese phantastisch bizarren Fische. Es sind hellblaue Welse mit großen schwarzen Punkten am ganzen Körper, einem leuchtend gelben Rückenstachel und einer gelben Schwanzflosse. Die Indianer holten sie aus halbvermoderten Baumstümpfen, die im Wasser lagen, und aus ebenfalls im Wasser liegenden Schilfhalmen (,,Caña brava", Wildes Zuckerrohr), die sie mit der Machete aufschlugen. Im Innern der Pflanzen saßen die Fische - zumindest tagsüber. Über ihr Leben war - jedenfalls damals! - weiter nichts bekannt. Leider gelang es uns nicht, diese Welse lebend ins heimische Aquarium zu bringen. An sandigen Flachufern trafen wir verschiedentlich Panzerwelse an. Sie lebten in größeren Trupps zu 50 und mehr Tieren. Wir fanden die Arten Corydoras aeneus, den bekannten Metallpanzerwels, C. trilineatus und C. elegans. Alle Arten habe ich mit nach Hause gebracht. Aus mir unbekannten Gründen starben die C. trilineatus ziemlich bald, die anderen Panzerwelse erfreuten sich lange Zeit bester Gesundheit.
Tagelang hatten wir das Gebiet fast nur vom Wasser aus erkundet. Für die Fahrt auf den Nebenflüssen ist eigentlich nur der Einbaum geeignet. Vom Wasser aus erscheint der Urwald wie eine undurchdringliche grüne Mauer aus verfilzten Pflanzen. Hier kommt von der Fluss-Seite Licht bis zum Bodengrund, daher gedeiht das Unterholz hier so üppig. Wer jedoch diese Mauer aus Lianen, Sträuchern und meterhohen Gräsern durchbrochen hat, lernt einen anderen Urwald kennen - einen Wald, der eigentlich ganz gut zu durchqueren ist, denn im trüben Dämmerlicht des Waldes können am Boden nur sehr wenige Pflanzen existieren. Dennoch ist ein Marsch durch den Urwald kein Spaziergang. Immer wieder hat man über Wurzeln und umgekippte Riesenstämme zu klettern, dornige Lianen und sumpfige Bäche versperren den Weg, und ständig muss man vor stechenden Insekten auf der Hut sein.
Zwischen den Blättern fanden wir regenwurmartige, mal violett, mal dunkelgrau aussehende Welse von nur etwa 5 cm Länge. Sie haben sechs dünne, zierliche Barteln, deren obere etwa die halbe Gesamtlänge des Tieres erreichten. Erst hielten wir diese Tierchen für die berüchtigten Schmerlenwelse des Amazonas, die von den Einheimischen sehr gefürchtet werden, weil sie gelegentlich in die Harnröhren der Menschen eindringen. Da sie dann ihre Kiemenstacheln abspreizen, sind sie nicht ohne regelrechte Operation herauszuholen. Sie haben schon bei vielen Einheimischen zu einem schmerzhaften Tod geführt. Üblicherweise allerdings leben diese Fische schmarotzend in den Kiemenhöhlen größerer Welse und wenn sie in die Harnröhren von im Wasser urinierenden Menschen einschwimmen ist es eine tragische Verwechslung - tragisch für beide Seiten, denn auch für die Welse ist das das Ende.
Unsere kleinen Welschen gehörten jedoch nicht zu diesen „Ungeheuern“. Die Schmerlenwelse haben eine weit zurückliegende Rückenflosse, unsere Regenwurm-Welse dagegen hatten ihre Rückenflosse in der vorderen Körperhälfte. Es gehören, wie sich später herausstellte, zu den Heptapteridae, vermutlich zur Art Heptapterus mustelinus. Außerdem fischten wir einen jungen Gestreiften Messerfisch, Gymnotus carapo (Abb. weiter unten auf dieser Seite!) von gut 12 cm Länge aus dem Laub. Die kleinen Welse und den Messerfisch haben wir ebenfalls lebend heimbringen können. Bei der Unterbringung der Regenwurm-Welse in meinem heimischen Aquarium hatte ich zunächst einen groben Fehler gemacht. Ich quartierte sie zusammen mit einem Paar der Kakadu-Zwergbuntbarsche und mit ebenfalls in diesem Gebiet gefangenen Harlekinwelsen, Microglanis zonatus * (Abb. rechts) in einem mittelgroßen, gut mit Steinhöhlen und Echinodorus (Schwertpflanzen) ausgestatteten Aquarium ein. Auch der Messerfisch kam dazu. Er war offenbar sehr harmlos. Tagsüber hing er wie leblos dort, wo die Wasserpflanzen am dichtesten waren, und auch nachts habe ich ihn selten aktiv vorgefunden. Die Zwergbuntbarsche kamen bei guter Ernährung sehr schnell in Fortpflanzungsstimmung, laichten wiederholt und zogen ihre Brut hoch. Wo aber blieben die Regenwurm-Welse? Jeder von ihnen hatte sich in den Sand unter den Steinen eine winzige Höhle gewühlt. Die Tiere tauchten nur für Sekunden blitzartig auf, wenn es galt, sich ein paar Tubifex-Würmchen zu holen. Dieses heimliche Leben führten sie sicher auch am Amazonas, dort aber nicht unter Steinen, sondern in der dicken Laubschicht am Grunde der Bäche und Tümpel. Dass dieses zurückgezogene Leben der Regenwurm-Welse nötig war, merkte ich vor allem, als das Kakadu-Zwergbuntbarsch-Männchen größer und größer wurde. Seine Lieblingsnahrung waren Regenwürmer, kaum kleiner als die Welse! - Natürlich habe ich dann die Welse aus dem Aquarium herausgefangen und in einem Minibecken untergebracht. Hier konnten sie sich ungestört durch andere Fische entfalten und lebten nun auch längst nicht mehr so versteckt wie vorher. Doch zurück zum ,,Studio"!
Wir waren so auf die Fische fixiert, dass wir uns erst jetzt die Pflanzen genauer anschauten, die an einigen Stellen am lehmig-schlammigen Ufer in größerer Zahl wuchsen. Echinodorus, eindeutig Amazonasschwertpflanzen! Aber welche Art? Als Aquarianer kennt man normalerweise nur die Unterwasserformen. Diese hier standen aber im feuchten Boden außerhalb des Wassers und blühten, nur wenige standen noch mit ihren unteren Stängelteilen im Wasser. Auch von diesen Pflanzen nahmen wir einige mit. Sie hatten langgestielte, kräftiggrüne Überwasserblätter. Im Aquarium wuchsen sie prompt an und bildeten hellergrüne Unterwasserblätter mit teilweise dekorativen dunklen Blattadern aus. Diese Unterwasserblätter waren fast stängellos und lanzettförmig. Unter Wasser starben die ehemaligen Überwasserblätter nach einiger Zeit ab, und aus den Blütenstängeln bildeten sich Jungpflanzen. Wir hatten Schwarze Amazonasschwertpflanzen (Echinodorus parviflorus) gefunden. Diese Echinodorus ist für mich eine der dankbarsten Aquarienpflanzen. Sie ist wüchsig und wird nicht zu groß. Dennoch ist sie mit wenig Licht zufrieden, treibt willig Jungpflanzen und stellt auch an die Wasserwerte keine besonderen Ansprüche.
Unweit von dieser Stelle, am Rande eines ausgetrockneten Bachbettes, trafen wir auf eine regelrechte Wiese, die nur aus Echinodorus bestand (Abb. rechts). Die Pflanzen waren aber deutlich größer als die E. parviflorus und hatten gestielte, herzförmig-breite Blätter. Es waren Echinodorus horizontalis. Der Artname nimmt auf die großen herzförmigen Blätter Bezug, die am Stielansatz fast waagerecht nach hinten abzuknicken scheinen. Die großwüchsige Pflanze wächst auch unter Wasser gut, ist aber nur für wirklich große Aquarien geeignet. Auch unter Wasser treibt sie ihre weißen Blüten. Manche Leser warten sicher schon auf die Wasserwerte. Man glaubt, hieraus Schlüsse ziehen zu können auf die optimale Haltung der Tiere daheim. Im Studio-Bach floss das Wasser nur ganz langsam, kaum erkennbar. Wollte man das Wasser rein optisch einschätzen, würde man es irgendwo zwischen Klar- und Schwarzwasser einordnen. Die Temperatur war mit 23° C recht niedrig. Der pH-Wert betrug 6,5, der Leitwert lag zwischen 48 und 49 Mikrosiemens. Eine Stunde später fingen wir schöne Exemplare von Apistogramma cacatuoides in noch extremerem Wasser. Die Temperatur betrug 24° C, pH-Wert 6 und Leitwert 23 Mikrosiemens. Zu Hause habe ich diese Tiere ohne weiteren Aufwand bei 250 Mikrosiemens gezüchtet. Ich glaube nicht, dass ihnen diese Verhältnisse weniger gut zusagten, denn wir fingen diese Art auch in der Yarina Cocha, einem seeartig erweiterten Seitenarm des Rio Ucayali bei Pucallpa, wo wir diese Tiere bei Wassertemperaturen von 30,5° C , einem Leitwert von 270 Mikrosiemens und einem pH-Wert von 7,1 antrafen! Natürlich sind nicht alle Arten an ihre jeweilige Umwelt so anpassungsfähig, aber was ich hier für die Apistogramma angebe, gilt entsprechend für die Regenwurm-Welse, für Carnegiella marthae und verschiedene andere Welse und Salmler.
Unser Marsch durch den Urwald führte uns noch über viele Bächlein. Nicht an allen haben wir so ausgiebig gefischt wie beim ,,Studio". Die uns den Weg weisenden Indianer schlugen sich mit der Machete die Lianen aus dem Wege, aber leider nur bis zu ihrer eigenen Körperhöhe. Da ich etwas größer gewachsen bin, musste ich fast ständig Verbeugungen machen und hatte es oft nicht leicht, den leichtfüßig und schnell durch den Wald strebenden Eingeborenen nachzukommen. Bei einigen Gelegenheiten blieb ich überrascht stehen. Da wurde die stickige Treibhausluft durch einen Duft überdeckt, der einfach märchenhaft war, unbeschreiblich schön und erfrischend, dass man glaubte, richtig Kraft tanken zu können für die nächste Stunde Dschungelmarsch. Das wäre was für die Parfümhersteller! Erzeuger dieses Duftes ist eine kleine Palmenart, erzählte uns später Señora Perez. Sie hätte schon immer mal solch eine Palme neben ihrem Haus anpflanzen wollen. Am Nachmittag, als wir schon recht wandermüde waren, erreichten wir schließlich einen Traktorweg mit tief ausgefahrenen Wagenspuren. Ihm gedachten wir bis zur Hazienda zu folgen. An einer Stelle kreuzte ein kleines Rinnsal den Weg. Hier staute sich in den Wegrillen das lehmtrübe Wasser. Horst und ich hätten nicht geglaubt, dass man hier große Erfolge beim Fischfangen haben könnte, aber die Indianer belehrten uns rasch eines Besseren. In kurzer Zeit hatten sie eine ganze Kollektion interessanter Arten zusammengekeschert, teilweise wurden die Tiere auch mit der bloßen Hand gefangen. Vor allem fingen sie mehrere sehr schöne Schwielenwelse. Die grünlich glänzenden Fische hatten auffallend rote Flossen. Daneben fingen wir einen kleinen Schwarm der großen, herrlich gefärbten Forellensalmler (Copeina guttata) und einige Schlanksalmler der Art Pyrrhulina eleonorae sowie verschiedene Hemigrammus. Ein schöner Fang war ein etwa 15 cm langer Raubsalmler. Nachträglich war ich froh, dass ich hier nicht versucht hatte, mit den bloßen Händen zu fangen, denn diese Raubsalmler sind noch bissiger als Piranhas, und ihre Zähne sollen noch wesentlich länger sein. Es handelte sich hier um einen männlichen Lachssalmler, Erythrinus erythrinus. Nicht dieses Exemplar, aber ein später von meinen Freunden erbeutetes Tier aus derselben Gegend habe ich dann mit nach Hause genommen. Der Lachssalmler lebt jetzt in einem 100 Liter Aquarium - selbstverständlich ohne Beifische. Am Anfang war er sehr scheu. Wochenlang hat er sich nicht hinter einem großen Stein hervorgetraut, es dauerte Wochen, bis ich ihn zum ersten Mal fressen sah. - Heute frisst er lebende Regenwürmer jeder Größe und Brocken von rohem oder verarbeitetem Fleisch oder Fisch. Gern nimmt er auch tote Fische. Wenn sie ihm nicht ins Maul passen, beißt er sich Stücke aus ihnen heraus. Meistens liegt er am Grunde seines Aquariums, auf kräftigen Brustflossen gestützt und beobachtet seine Umgebung aufmerksam Wenn ich ein Stückchen Fleisch durch den Futterschlitz fallen lasse, ist er blitzartig zur Stelle. Es versteht sich, dass ich den Finger rechtzeitig zurückziehe, und auch beim Scheibenreinigen bin ich natürlich besonders vorsichtig. Zum Aussehnen und speziell zur Färbung dieses wunderschönen Raubfisches will ich mich hier nicht weiter auslassen, das Foto zeigt alles Wesentliche. Der deutsche Name Lachssalmler bezieht sich natürlich auf die goldrot gefärbte Flanke dieses Tieres. – Weitere Anmerkungen zum Lachssalmler kann ich mir sparen, denn im Kapitel „Raubsalmler“ (Sektion "Andere Fischgruppen") ist bereits alles Wesentliche geschrieben. Als wir müde und erschöpft bei Don Jaime ankamen, fing die eigentliche Arbeit erst richtig an: Das Tonbandprotokoll musste vervollständigt werden, die Fische waren zu versorgen. Das geschah alles draußen beim letzten Tageslicht, denn Strom gibt es in Chicosa nicht, und der Generator von Don Jaime war gerade nicht in Ordnung - meine Arbeit war ein Gaudi für alle Indianerkinder aus der Umgebung. * Ich hielt die Tiere ursprünglich für Microglanis iheringi oder parahybae - und so werden sie in der Literatur gewöhnlich auch benannt. Es gibt laut "fishbase" 17 gültige Microglanis-Arten, alle sind sich vom Habitus her sehr ähnlich. fishbase zufolge ist zonatus die einzige Art der Gattung, die in Peru vorkommt. ** Mit den leistungsfähigen Digitalkameras hat man unter diesen Lichtverhältnissen heutzutage keine Probleme mehr! Aber damals war 1982!
© Dr. Jörg Vierke zurück zur Übersicht-Startseite zur nächsten Seite: Fischen auf Ceylon, Fische von Ceylon
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