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»» Labyrinther / FortpflanzungFortpflanzungsverhalten bei Labyrinthfischen
Das Fortpflanzungsverhalten der Labyrinthfische ist viel differenzierter, als oft angenommen wird. Besonders interessant ist es, die Arten miteinander zu vergleichen und sich darüber Gedanken zu machen, welche Ursachen für die Unterschiede verantwortlich sein könnten. Foto links: Der maulbrütende Kampffisch Betta albimarginata Zuvor ein paar allgemeine und grundsätzliche Bemerkungen. Etwa 23 % der Fischarten betreuen und versorgen ihre Brut. Das geschieht auf sehr unterschiedliche Weise. Die Effektivität ihrer Brutpflege ist abhängig von der Art und Intensität der Versorgung. Logischerweise kann in gleichbleibend großen Populationen im Mittel jedes Elternpaar im Laufe seines Lebens letztendlich nur durch zwei Nachkommen ersetzt werden. Anderenfalls müsste die Zahl der Artangehörigen schnell lawinenartig anschwellen. Der überwiegende Teil der Brut muss in der Regel vorzeitig sterben. Somit gibt die Eizahl direkt Aufschluss über die Effizienz der Brutpflege. Tiere, die mit einer vergleichsweise geringen Nachkommenzahl auskommen, kümmern sich entweder sehr intensiv um ihre Jungen oder die Brut ist aus anderen Gründen weniger gefährdet.
Foto rechts: Rundschwanzmakropode - Macropodus ocellatus, Paarung unter dem Schaumnest Die allermeistem asiatischen Labyrinthfische gehören zur Familie der Belontiidae. Die gut 50 bekannten Arten zeigen eine Vielzahl hochdifferenzierter Verhaltensweisen aus dem Brutpflegebereich, vermutlich mehr, als man bei der zahlenmäßig weit stärkeren Familie der Cichliden (Buntbarsche) finden könnte. Alle Belontiiden sind ausnahmslos Brutpfleger: 23 Arten versorgen ihren Laich an der Wasseroberfläche, 11 in Höhlen, und 17 Arten sind Maulbrüter. Es gibt allerdings Übergänge zwischen diesen Brutpflegeformen, also Fische wie die Spitzschwanz-Makropoden, die ihre Schaumnester mal am Wasserspiegel, oft aber auch in Höhlungen oder unter Blättern anlegen. Ich hielt es für interessant, nahe verwandte Arten unter dem Aspekt der Brutpflege miteinander zu vergleichen. Wie unterscheiden sie sich im Hinblick auf die mittlere Eizahl, auf die Eigröße, auf die Entwicklungsgeschwindigkeit der Brut und auf die Intensität der Brutpflege? Es ist sicher klar, dass es eine langwierige Aufgabe war, die in den Tabellen 1 und 2 aufgeführten Daten zu ermitteln. Die Tabellen enthalten neben zwei zu Vergleichszwecken aufgeführten afrikanischen Labyrinthfischen Brutpflegedaten von 29 der derzeit bekannten 51 Arten. Darüber hinaus habe ich weitere acht Arten gehalten und fünf von ihnen im Aquarium gezüchtet. Nur die wenigsten Arten gehören zum Sortiment des Zoohandels. Viele habe ich erst nach jahrelanger Suche bei Zoohändlern, Aquarienliebhabern oder durch eigene Nachsuche in ihren Heimatländern bekommen können. Oft waren es nur einzelne Paare. Die restlichen Arten sind nur ausnahmsweise oder noch nie lebend nach Europa gekommen. Leider ist es bei einigen Arten, die als Wildfänge leicht zu züchten sind, ausgesprochen schwer, wenn nicht unmöglich, sie in der F1-Generation weiterzuzüchten.
Den Schlupfdaten und den Daten zum Freischwimmen der Brut sind die jeweiligen Temperaturen, bei denen sie ermittelt wurden, beigefügt. Dass gerade die Temperatur für die Beurteilung der Werte wichtig ist, können bei Belontia signata (Abb. rechts) angestellte Vergleichsmessungen belegen: Bei 28 ° C schlüpfen die Larven nach 30 Stunden, nach 70 Stunden sind ihre Augen voll ausgebildet und nach etwa 90 Stunden nehmen sie ihre normale Körperlage ein, sie schwimmen frei. Bei einer Vergleichstemperatur von 22 ° C brauchen die Larven bis zum Schlüpfen 45 Stunden und die Augenentwicklung 115 Stunden. Das Freischwimmen erreichen bei solch niedrigen Temperaturen gehaltene Larven nicht. Die Tabellen 1 und 2 enthalten nur Werte, die ich selbst ermittelt habe. Natürlich sind es Durchschnittswerte, die im Einzelfall sicher auch über- oder unterschritten werden können. Auf jeden Fall zeigen sie deutlich, wie groß die Unterschiede im Bereich dieser Tiergruppe sind. Die Angaben zur Standardlänge der Weibchen (im vorliegenden Fall aus naheliegenden Gründen wichtiger als die Größe der Männchen) entnahm ich der Literatur. Bei der Eizahl pro Laichphase handelt es sich um Schätzungen, also nur um recht grobe Anhaltswerte. Die Eier wurden unter dem Mikroskop genauestens vermessen. Ich habe bei diesen Tabellen darauf verzichtet, Lücken durch Angaben aus der Literatur zu füllen, da sie teilweise, je nach Beobachter, sehr differieren. Im Bereich der Belontiiden kann man zwei Arten-Gruppen unterscheiden: die eine produziert und versorgt Eier und Larven, die leichter als Wasser sind (Schwimmeier-Typen), die andere schwerere Brut (Sinkeier-Typen). Die Tabellen 1 und 2 führen, nach diesen beiden Gruppen gesondert, einige wichtige Parameter auf, die mit der Brutpflege zusammenhängen. Die Reihenfolge der Gattungen richtet sich in der Tabelle nach der mittleren Eigröße. Entsprechend habe ich innerhalb der jeweiligen Gattungen die einzelnen Arten angeordnet.
Tabelle 1: Belontiiden mit Schwimmeiern Schon ein erster Blick auf die Tabellen zeigt die Zusammenhänge zwischen Eigröße und der Entwicklungsgeschwindigkeit der Brut (Daten zum Schlupf und zum Freischwimmen). Größere Eier brauchen länger zur Entwicklung. Weibchen vergleichbarer Körpergröße können aus naheliegenden Gründen nur größere Eier produzieren, wenn das auf Kosten von deren Zahl geht. Da die Zahl der Eier andererseits ein Hinweis auf deren Gefährdung ist, müssen Arten mit geringeren Eizahlen ihre Brut besonders intensiv pflegen, sie haben spezielle Brutpflegestrategien entwickelt.
Eine typische Brutpflegestrategie ist beispielsweise das Maulbrüten. Die Eier und die sich daraus entwickelnden Larven sind im Maul des Vaters weit sicherer aufgehoben als in einem Schaumnest. Andererseits hat die im Nest untergebrachte und dort vom Vater bewachte Brut immer noch weit bessere Überlebenschancen als die Brut von Arten, die ihren Laich lediglich im Pflanzendickicht verstreuen und sich dann nicht mehr darum kümmern. Die Maulbrüter hätten dann die fortgeschrittenste Strategie und könnten mit weniger Eiern auskommen. Die nichtbrutpflegende Art dagegen muss die besonders hohe Gefährdung ihrer Nachkommen durch eine besonders hohe Zahl von Eiern ausgleichen. Somit ist die Eizahl wie auch die Eigröße ein gutes Indiz für die Qualität der Brutpflege.
Foto links: Der maulbrütende Kampffisch Betta edithae. Das Weibchen (oben) spuckt dem Männchen ein Ei vor, das den Laich dann in seinem Kehlsack bis zum Freischwimmen der Brut trägt. Eine hochintensive Brutpflege ist durch besondere Verhaltensweisen ausgezeichnet, die das Überleben der Brut auf die eine oder andere Weise ermöglicht. Das sind die Brutpflegestrategien. Die zehn wichtigsten Brutpflegestrategien bei Labyrinthfischen habe ich auf meiner Seite "Fischverhalten" vorgestellt (Link am Ende dieses Berichtes). Zunächst ein spezieller Blick auf Tabelle 1! Ein Vergleich der erstangeführten Gattung Trichogaster und der letztangeführten Gattung Belontia zeigt, dass Belontia mit einem Zehntel der Eier auskommt, die die gleichgroßen Trichogaster erzeugen. Allerdings sind auch die Trichogaster-Arten, als die in dieser Hinsicht ursprünglichsten unter den Belontiiden, bereits fortgeschritten, wenn man sie mit den ebenfalls schaumnestbauenden asiatischen Buschfisch-Verwandten der Gattung Ctenopoma aus der Familie Anabantidae vergleicht (Eigröße!). Welches Verhalten macht es dem Ceylon-Makropoden, Belontia signata möglich, mit vergleichsweise so wenigen Eiern auszukommen? Auf den ersten Blick ist das verwirrend, bauen die Väter doch nur ein sehr mickeriges Schaumnest, das zudem sehr schnell zerfällt. Gerade aber dieses zunächst nachteilig scheinende Verhalten erweist sich als vorteilhaft für die Brut. Der Laich kann (und muss!) jetzt auf engstem Raum zusammengetragen werden. Solche Laichhaufen können bestens versteckt werden und sind auch leichter zu verteidigen als ein sehr großes Schaumnest. In Notsituationen können die B. signata-Väter den Laich sogar mit schnellen Schnappbewegungen ins Maul nehmen und damit für einige Zeit verschwinden.
Auch für den Schutz der bereits freischwimmenden Jungen ist bei den Ceylon-Makropoden gesorgt. Das ist sonst bei den Labyrinthfischen nur ausnahmsweise der Fall, denn die Jungen kennen anders als junge Buntbarsche keinen Schwarmzusammenhalt. Das macht es für die Eltern schwer sie zu schützen. In Fall der CeylonMakropoden geht es nach der Methode der Schlangenkopf-Cichliden der Gattung Julidochromis, deren Junge ebenfalls ohne Schwarmverhalten auskommen müssen. Wie bei jenen Cichliden verteidigen beide Eltern auch noch nach dem Freischwimmen der Kleinen ihr Brutrevier. Da die Jungen auch dann noch einige Zeit nach dem Freischwimmen zunächst in diesem Bereich verbleiben, werden sie nun indirekt durch die Eltern beschützt, die jeden möglichen Fressfeind aus dem Brutbezirk verjagen. Bei den Julidochromis ist es ein Höhlenbereich, bei den Ceylon-Makropoden ein deckungsreicher Bezirk an der Wasseroberfläche, in dem die Brut weitgehend geschützt heranwachsen kann. Wenn sich in den ersten Tagen nach dem Freischwimmen vorwitzige Junge vom Ceylon-Makropoden aus dem eigentlichen Nestbereich entfernen, werden sie von ihrem Vater, vielfach aber auch von ihrer Mutter, aufgeschnappt und im Revierzentrum wieder herausgelassen. (Anmerkung: Die Brutpflege der Ceylonmakropoden ist dermaßen interessant, dass ich diesem Verhalten hier einen eigenen Bericht widme. Wer sich dafür näher interessiert - dies ist der Link!) Auch innerhalb der beiden Gattungen Macropodus und Colisa findet man die Strategie des Klumpenbildens. In der Gattung Macropodus ist es nur eine Art, bei Colisa sind es zwei Arten, bei denen man dieses Verhalten antrifft: die Väter von Macropodus ocellatus (früher M. chinensis) und Colisa chuna sowie - ansatzweise und keineswegs regelmäßig - C. fasciata lassen bald nach dem Ablaichen das Schaumnest zerfallen und pflegen den Laich stattdessen in Haufen. Aus unserer Tabelle können wir ablesen, dass die Klumpenbildung tatsächlich eine erfolgreiche Strategie ist: Macropodus ocellatus und Colisa chuna können es sich leisten, weniger Eier zu produzieren als ihre nächsten Verwandten (hier Macropodus opercularis bzw. Colisa labiosa und C. lalia). Dafür sind ihre Eier jedoch größer und brauchen etwas mehr Zeit für die Entwicklung. Dieser "Luxus" bewirkt, dass die Jungen zum Zeitpunkt ihres Selbständigwerdens größer sind als die der anderen Arten. Natürlich könnte man noch so manches mehr aus der Tabelle 1 herauslesen. Ich muss mich hier mit einigen Beispielen begnügen. Werfen wir noch einen Blick auf die Tabelle 2, auf die Formen mit Sinkeiern!
Tabelle 2: Belontiiden mit Sinkeiern
Zunächst wird klar, dass die Sinkeiformen offenbar die fortgeschritteneren Brutpflegestrategien aufweisen. Sie kommen nämlich mit weniger Eiern aus als die Formen mit Schwimmeiern. Ich schreibe übrigens bewusst „fortgeschritten" und nicht „fortschrittlich". Fortgeschritten meint, dass hier in der Stammesgeschichte eine Entwicklung weitergegangen ist. Fortschrittlich hieße, dass diese Entwicklung wirklich besonders erfolgreich wäre. Das kann man jedoch nicht ohne Vorbehalt sagen, denn gerade die Formen mit Schwimmeiern gehören in ihren Heimatländern zu den häufigsten Fischen (Fadenfische), sie sind im Überlebenskampf also keineswegs benachteiligt. Foto rechts: Betta channoides, Paarungsschleife Tatsächlich fordert die Schwere des Laichs, also die ständige Gefahr, dass der Laich zu Boden fallen könnte, die Pflegebereitschaft der Väter regelrecht heraus. Ein Schaumnestbrüter mit Sinkeiern ist weitaus beschäftigter als einer mit Schwimmeiern. Die brutpflegenden Väter von Knurrenden Guramis oder von Siamesischen Kampffischen beispielsweise sind fast fortwährend damit beschäftigt, aus dem Nest nach unten fallende Eier oder Larven einzusammeln und wieder in die Schaumblasen zu spucken. Da helfen selbst die kleinen Haftorgane, die ihre Larven aufweisen, nur wenig. Gerade diese zwangsweise Aktivität der brutpflegenden Tiere führt aber zu dem Effekt, dass die Fische letztendlich mit weniger Laich auskommen. Ihre Brutpflege ist effizienter geworden, als die ihrer doch von der Natur bevorzugten Verwandten mit Schwimmeiern. Wie die Tabelle 2 zeigt, sind die Spitzschwanz-Makropoden (Pseudosphromenus-Arten) die am wenigsten fortgeschrittenen Arten unter den Formen mit Sinkeiern. Sie lassen sich - ihrer stammesgeschichtlichen Verwandtschaft entsprechend - auch im Hinblick auf Eigröße und die Entwicklungsdaten zwanglos an die Macropodus-Arten anfügen. Damit der im Schaumnest untergebrachte Laich dort verbleibt, wird er eingespeichelt und an die Foto rechts: Das Männchen des Knurrenden Gurami Trichopsis vittata nimmt das gerade abgegebene Laichpaket blitzschnell mit einer einzigen Schnappbewegung auf, um es dann in Sicherheit zu bringen. Der Knurrende Zwerggurami, Trichopsis pumila, ist ebenfalls ein Versteckbrüter, aber ein sehr viel spezialisierter. Wie man der Tabelle 2 entnehmen kann, kommt er in der Regel mit bedeutend weniger Eiern aus als die Spitzschwanz-Makropoden. Das riskante Paarungsstadium dauert bei Trichopsis pumila nur etwa 2 sec. (zum Vergleich Pseudosphromenus cupanus: 12 bis 20 sec.). Die Eier werden, wie auch bei seinem nahen Verwandten Trichopsis vittata, als Paket abgegeben, das das Männchen umgehend mit einer einzigen Schnappbewegung aufnimmt. Gleich anschließend wird das Laichpaket ins nahe gelegene, gut versteckte Nest gebracht. Im Gegensatz dazu müssen die Spitzschwanz-Makropoden die einzeln zu Boden rieselnden Eier mühsam und zeitraubend aufsammeln. Dass dieses für die Nachkommenschaft extrem riskant ist, kann man beobachten, wenn diese Tiere im Gesellschaftsaquarium ablaichen. Meist übersehen die Laichräuber kein einziges Ei der Spitzschwanz-Makropoden. Die Knurrenden Zwergguramis können es sich auf Grund ihrer Strategie leisten, so heimlich zu laichen, dass in der Regel weder der Aquarianer, noch potentielle Laichfeinde etwas von diesem Verhalten mitbekommen!
Foto links: Schwarzer Prachtzwerggurami Parosphromenus nagyi, Männchen im Prachtkleid
Anmerkung: Dieser Bericht erschien erstmalig in „Das Aquarium“ 1992, Heft 275, S. 10 – 15 unter dem Titel „Fakten zum Fortpflanzungsverhalten bei Labyrinthfischen“. Ich habe den Text fast unverändert übernommen. Nur die Angaben zur Anzahl der Arten sind nicht mehr aktuell, da zwischenzeitlich weitere Arten beschrieben wurden. zurück zur Übersicht-Startseite nächste Seite: Brutpflege-Strategien bei Labyrinthfischen |