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Labyrinthfisch-Mütter - ein Kapitel Soziobiologie

Makropoden-Weibchen (rechter Fisch, hier Macropodus spechti) halten sich auch in der Zeit zwischen den eigentlichen Laichakten im Nestbereich auf.
Das gilt auch für die schaumnestbauenden Kampffische. Hier ein Betta imbellis-Weibchen beim Versorgen des Laichs, im Hintergrund das Männchen.

© Dr. Jörg Vierke

Lange glaubte man, die Selektion, also die Auslese in Verbindung mit der Evolution, fördere das Überleben der Art. Spätestens seit R. Dawkins wissen wir, dass das so nicht ganz korrekt ist. Der bekannte Soziobiologe zeigte, dass es bei der Selektion vorrangig um die Förderung des eigenen Erbguts, der eigenen Gene, geht. Dieser Zusammenhang wird eindrucksvoll belegt, wenn man das Fortpflanzungsverhalten der Fadenfische mit dem der Kampffische und deren Verwandten vergleicht.

Beide Gruppen, die Fadenfische einerseits und die Makropoden und die schaumnestbauenden Bettas andererseits sind Labyrinthfische, deren Männchen den Laich und die Larven in einem Schaumnest pflegen und verteidigen. Es gibt aber einen bedeutenden Unterschied. Wenn der Vater verhindert ist (im Experiment durch die Entfernung aus dem Zuchtaquarium) fallen Fadenfisch-Weibchen über das Gelege her und verspeisen den Laich - eigentlich ein Verhalten, das weder mit dem Überleben der Art noch mit dem Überleben der eigenen Gene vereinbar zu sein scheint. Makropoden-Mütter und die Weibchen der schaumnestbauenden Kampffische, z. B. Betta splendens, verhalten sich in einer derartigen Situation völlig anders. Sie übernehmen das Nest und pflegen die Brut so intensiv und perfekt wie vorher die Väter. Sie sind sogar in der Lage Schaumblasen für den Erhalt des Nestes zu produzieren. Wie ist dieses so unterschiedliche Verhalten der Mütter zu erklären. Gibt es da einen biologischen Sinn? Handelt es sich doch in beiden Fällen um nahe miteinander verwandte Schaumnestbauer mit typischen Vaterfamilien!

Fadenfischweibchen (links) verlassen nach jedem Paarungsakt den Nestbereich. Notfalls hilft das Männchen nach!

Von Aquarienbeobachtungen weiß man, dass es im Ablaichverhalten dieser beiden Gruppen einen entscheidenden Unterschied gibt. Nach jedem Paarungsakt werden die Fadenfischweibchen von den Partnern aus dem Nestbereich vertrieben, wenn sie nicht aus eigenem Antrieb verschwinden. Es ist absolut sinnvoll, das Weibchen notfalls heftig wegzubeißen, denn gelegentlich stibitzt sich die "Rabenmutter" noch ein paar der im Nest vom Vater bereits eingebetteten Eier. Mein Film zum Zwergfadenfisch Colisa / Trichogaster lalia zeigt eine solche Szene (>>>, der Film ist unten auf der Seite)!

Anders als bei den Fadenfischen bleiben die Weibchen Makropoden und der schaumnestbauenden Kampffische ununterbrochen während des gesamten Laichvorganges im Nestbereich, also auch in der Zeit zwischen den eigentlichen Laichakten. Sie vertreiben in dieser Situation auch andere arteigene Weibchen! Die Macropodus- und Betta-Weibchen können also sicher sein, dass der ganze Laich im Nest von ihnen ist, nur von ihnen!

Fadenfisch-Weibchen in einem Aquarium mit paarweisem Ansatz sind natürlich ebenfalls mit Sicherheit die Mütter der gesamten Brut. Aber darauf sind sie von Natur aus nicht eingestellt! Im Normalfall nehmen sie nach einem Laichakt für den folgenden Laichakt das Männchen, das ihnen momentan gerade zusagt, und das dürfte in vielen, vermutlich im Freiwasser in den meisten Fällen, ein neuer Partner sein. Hier herrscht Polyandrie. Wie Freiwasserbeobachtungen zeigten, sind artgleiche und paarungsbereite Männchen sehr oft (im Normalfall?) direkt nebenan. Am Beispiel von Freiwasseraufnahmen in Vietnam konnte ich am Beispiel des Punktierten Fadenfisches Trichogaster / Trichopodus trichopterus im Video belegen, dass die Männchen ihre Schaumnester regelrecht in Kolonien anlegen. Nur paarungswillige Weibchen kommen in den Bereich dieser Kolonie.

Offene Fragen

Es bleibt die Frage, wie ein Betta splendens oder ein Makropoden-Weibchen reagieren würde, wenn es auf ein besitzloses Nest mit fremdem Laich träfe. Vermutlich kein häufiger Fall in der freien Natur, denn mit den Müttern stehen hier für die Väter Ersatzbrutpfleger  zur Verfügung.

Und wie sind die Verhältnisse bei den Trichopsis Arten, den Knurrenden Guramis? Hier findet das Ablaichen oft relativ weit vom Nest entfernt statt. Würde das Männchen in der Natur oder unter passenden Aquarienverhältnissen mit mehreren Weibchen direkt in Folge ablaichen wie bei den Fadenfischen? Und wie würden sich die Weibchen dem Laich gegenüber verhalten, wenn sie ihm unbeobachtet begegnen? Hier gibt es für experimentierfreudige Aquarianer noch manches herauszufinden!

Man kann daraus folgern, dass nur der kleinste Teil der Eier in einem Fadenfisch-Nest von einem bestimmten Weibchen ist. Hier werden Eier von allen möglichen fremden Weibchen gesammelt, das Männchen nimmt was es bekommen kann! Würde eine Fadenfisch-Mutter das Nest in einer Notsituation wie eine Betta-Mutter übernehmen und pflegen, dann würde sie ihre Energie in großem Maße für die Nachkommen anderer Weibchen aufwenden. Ihr Einsatz käme nur in sehr geringem Maße den eigenen Genen zugute. In dieser Situation wäre es im Interesse des eigenen Erbgutes sinnvoller, den Laich zu fressen und mit Hilfe dieser Kraftnahrung neue, eigene Eier zu produzieren!

Interessanterweise gibt es auch bei den Fadenfisch-Weibchen, die offenbar ohne Zögern den eigenen Laich fressen, wie bei den Vätern eine angeborene Fresshemmung gegenüber den arteigenen Jungfischen. Da diese sich weit verstreuen können, erscheint mir dieses Verhalten nicht nur sinnvoll für den Erhalt der eigenen Art, sondern auch für die jeweils eigenen Gene! In der ersten Zeit nach dem Freischwimmen hält sich die Brut allerdings konzentriert im Bereich der Männchen-Kolonie auf. Hier sind sie wegen des Territorialverhaltens der Väter vor anderen Fischen, eventuell aber auch vor ihren Müttern, geschützt. Dieses Verhalten konnte ich es in einer Kolonie von Punktierten Fadenfischen im Freiwasser im südlichen Vietnam beobachten und filmen >>>. Im Hinblick auf die Fresshemmung der Mütter dürfte in diesem Fall  allerdings der Schutz vor artfremden Fressfeinden vorrangig sein.

Hier gibt es in mancher Hinsicht gewiss noch Klärungsbedarf (vgl. Kasten links!). Immerhin zeigen die geschilderten  Verhältnisse sehr deutlich, dass es bei der Selektion zumindest hier nicht vorrangig um den Arterhalt geht, sondern um das eigene Erbgut, um die Förderung der individuellen Gene!

Quellenhinweise:

Dawkins, R. (1978): Das egoistische Gen. Springer Verlag; Berlin, Heidelberg, New York

Vierke, J. (1991): Brutpflegestrategien bei Belontiiden, Bonner zoologische Beiträge, S. 299-324. Kurzfassung: >>>

Vierke, J. (1992): Fakten zum Fortpflanzungsverhalten bei Labyrinthfischen. Das Aquarium Heft 275, S. 10 – 15. Bei "Fischverhalten": >>>

Zur Koloniebildung bei Trichogaster / Trichopodus trichopterus mit entsprechendem UW-Film aus dem Freiwasser: >>>